26
Februar
2025

Die Qualität des Nahverkehrs: eine Deutschlandkarte

Eine interaktive Karte zeigt für jedes Haus in Deutschland, wie gut es an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen ist. Die von Informatikern der Universität Konstanz entwickelte Karte ermöglicht faktenbasierte Simulationen für politische Fragestellungen – oder hilft einfach bei der Einschätzung der eigenen Wohngegend.

Copyright Grafik: Fischer et al. Mobility Maps. University of Konstanz / Steinbeis CIDAV, 2024
Copyright Grafik: Fischer et al. Mobility Maps. University of Konstanz / Steinbeis CIDAV, 2024

Wie gut ist Ihr Haus an den öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) angeschlossen? Wenn Sie sich ein objektives Bild davon machen möchten, lohnt sich ein Blick auf die interaktive Deutschlandkarte „Mobility Maps“, die online frei verfügbar ist. Die Karte zeigt für jedes Gebäude in Deutschland, wie gut es ans Nahverkehrsnetz angeschlossen ist. Die Karte ermöglicht nicht nur, das eigene Haus zu überprüfen oder bei der Wohnungssuche die neue Wohngegend besser einzuschätzen. Sie ist darüber hinaus ein wertvolles Werkzeug für faktenbasierte Simulationen und politische Entscheidungen, zum Beispiel zu den Auswirkungen von Verkehrsplanungen und angehenden Strukturreformen in Deutschland.

Die interaktive Karte basiert vollständig auf öffentlichen Daten. Sie wurde unter Leitung von Daniel Keim und Maximilian Fischer von der Forschungsgruppe Datenanalyse und Visualisierung (DBVIS) der Universität Konstanz erstellt und im Rahmen des Exzellenzclusters „Kollektives Verhalten“ gefördert.

35 Millionen Häuser auf einen Blick

Wo in Deutschland sind lange Laufzeiten zum Nahverkehr nötig? Wo ist der ÖPNV nicht gut genug vernetzt, um wichtige alltägliche Orte wie Supermärkte, Ärzte oder Schulen zu erreichen? Die Mobility Maps beantworten diese Fragen für über 35 Millionen Häuser, jedes öffentlich verzeichnete Gebäude in Deutschland. Ein einfacher Farbcode zeigt auf einen Blick, wo die Situation gut aussieht und in welchen Wohngebieten oder Landkreisen hingegen Verbesserungen nötig wären.

Die Karte berücksichtigt nicht nur die Länge der Fußstrecke zur nächsten Haltestelle, sondern auch Fragen der Qualität der ÖPNV-Verbindungen: Wie lange sind die Reisezeiten, wie gut ist der Fahrplan getaktet und vor allem: Was können Sie alles mit dieser Verbindung erreichen? Die Karte überprüft für jedes Haus den individuellen Verkehrsanschluss an Schulen und Kindergärten, Einkaufzentren, Ärzte, Kultureinrichtungen und vieles mehr. Die Entwickler haben ihrer Auswertung typische Alltagsszenarien zugrunde gelegt: Wie gut kann ich meinen Alltag mit diesen Verkehrsmitteln bewältigen? Wie lange brauche ich, um damit einen Arzt zu erreichen oder einkaufen zu gehen?

Die Karte ist grundlegend interaktiv angelegt und ermöglicht, eigene Fragestellungen einzubringen. Mit Schiebereglern lässt sich einstellen, wie viel Wegstrecke man zum Beispiel bis zur nächsten Haltestelle akzeptiert oder wie gut das Verkehrsnetz angebunden sein muss. Dabei ist die Karte stufenlos zoombar, vom Gesamtbild von Deutschland bis hin zum einzelnen Wohngebäude.

Bild der Verkehrsrealität in Deutschland

„Bei der Laufdistanz zur nächsten Haltestelle ist Deutschland in vielen Gegenden relativ gut aufgestellt“, bilanziert Maximilian Fischer. „Was die Qualität der Verbindungen angeht: Die großen Städte sind gut ausgebaut, aber in vielen Regionen Deutschlands gibt es Problemstellen. Diese sind teilweise überraschend, sowohl überregional als auch im Detail auf Ebene von einzelnen Stadtvierteln.“ So zeigt die Karte einerseits einen gut ausgebauten „Gürtel“ quer durch Mitteldeutschland, von Trier über Erfurt bis hoch nach Rostock. Weniger gut angebundene Gebiete zeichnen sich jedoch andererseits in den nördlichen und südlichen Randbereichen sowie in den Gebirgsregionen Deutschlands ab.

Um Lücken wie diese zu identifizieren und zu schließen, ist die Karte ein wertvolles Hilfsmittel. „Wir sehen ein riesiges Anwendungspotenzial, um politische Fragestellungen datenbasiert und haushaltsgenau anzugehen“, schildert Daniel Keim. „Wir möchten der Politik und Bürgern die Möglichkeit geben, sich Mobilitätsfragen datengetrieben und fundiert anzuschauen.“

Ein Beispiel für eine solche Fragestellung wären die Auswirkungen von Strukturwandel: Anhand der Karte ließe sich präzise simulieren, für welche Haushalte sich der Anschluss veränderte, wenn beispielsweise Krankenhäuser zusammengelegt würden oder der örtliche Supermarkt schließt. Auch die Wirkung von geplanten Verkehrsmaßnahmen ließe sich leicht an der Karte ablesen, zum Beispiel welche Verbesserungen oder Verschlechterungen die Verlagerung einer Bushaltestelle mit sich brächte.

Interaktives Expertensystem

Die „Mobility Maps“ sind ein Beispiel für ein interaktives Expertensystem, wie sie von der Forschungsgruppe Datenanalyse und Visualisierung unter Leitung von Daniel Keim entwickelt werden. Der Gedanke hinter einer solchen „Visual Analytics“-Anwendung ist, der Politik und Öffentlichkeit Analysesysteme zugänglich zu machen, mit denen sich datenbasierte Aussagen zu wichtigen gesellschaftlichen Fragestellungen als Team von Mensch und Computer („Human-AI teaming“) treffen lassen.

Die interaktive Karte ist im Internet frei verfügbar und kann sogar mit Mobilgeräten aufgerufen werden, auch wenn für detailliertere Recherchen ein leistungsfähigerer Rechner empfohlen wird. Auch der OPTIMAP-Datensatz, der für die Karte entwickelt wurde und auf dem sie basiert, wird von dem Forschungsteam frei zur Verfügung gestellt. Auf der „Mobility Maps“-Website sind zudem vorbereitete Analysen zu allen Landkreisen Deutschlands abrufbar.

Ein Klick auf den grünen Button „Start interactive map“ ruft die interaktive Karte auf. Rechts oben im Menü der Karte finden Sie die interaktiven Einstellungsmöglichkeiten (per Klick auf „Scenarios“). Die Karte unterscheidet dabei zwischen den Kategorien „Walking“ (Fußweg zur nächsten Haltestelle) und „Quality“ (Qualität der ÖPNV-Verbindung, einschließlich Reisezeiten, Taktung und Erreichbarkeit wichtiger Einrichtungen).

Faktenübersicht:

 

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